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Kampmeiers Kolumne

Wenn’s grummelt. Oder: Was Boxsäcke mit Freundlichkeit zu tun haben.

Veröffentlicht am 7. August 2026
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Wieso klingt unsere Stimme bei einem Kunden oft anders als bei dem Kollegen, der seit Jahren neben uns sitzt? Weshalb pflaume ich meine Mutter an, während ich zur Postbotin total freundlich bin? Diesem Phänomen möchte ich mich heute annähern. Doch erst einmal geht es um einen Boxsack, der aus dem Ring geworfen wurde. Einfach so. Von einem einzigen, unscheinbaren Satz.

Bild erstellt mit Google Gemini

Der Boxsack

Noch immer steht er erwartungsfroh in der Ecke meines Fitnesszimmers. Er hat dem Raum auch zu seinem klangvollen Namen verholfen. Wobei Rumpelkammer als Bezeichnung besser passen würde, gebe ich zu. Der Boxsack fungiert längst als Wäscheablageplatz.

Ich hätte ihn beim letzten Umzug entsorgen können, doch irgendwie hänge ich an ihm. Er hat mir jahrelang treue Dienste geleistet; es gab Zeiten, da habe ich ihn ordentlich malträtiert. Irgendwo musste meine Wut ja hin. Und an meinem Umfeld wollte ich sie nicht auslassen, das konnte nämlich in den meisten Fällen gar nichts dafür. Mein Boxsack war sozusagen mein privates Sicherheitsventil.

Seither ist viel Zeit vergangen. Und es wäre gelogen, zu behaupten, dass ich mittlerweile der sanfteste, ausgeglichenste Mensch unter der Sonne bin. Nicht nur mein Mann würde umgehend ein Veto einlegen. Ja, bis heute gibt es Momente, in denen ich wütend bin. In denen es innerlich mächtig grummelt. Wieso das Fitnesszimmer trotzdem zur Rumpelkammer werden konnte? Das verrate ich Ihnen.

Doch lassen Sie mich anders anfangen.

Mit der Kassiererin fing es an

Denn bis letzte Woche habe ich gar nicht an meinen Boxsack gedacht. Doch dann fiel mir ein Artikel in die Hände. Vielleicht war es auch ein Instagram-Post, ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht mehr. Ich weiß nur, dass ein Satz hängen blieb: Wir bedanken uns bei der Kassiererin dreimal, während wir zu Hause bei der dritten Nachfrage schon genervt sind.

Ich fühlte mich sofort ertappt.

Meine Mutter, die KI und ich

Umgehend tauchten Erinnerungen an meine Mutter auf. Wie oft hatte sie mich angerufen, weil sie mit dem Computer nicht weiterkam. Zum wiederholten Mal dieselbe Frage, die ich ihr, gefühlt, schon hundertmal erklärt hatte. Und ich weiß nicht, ob ich es je erwähnt habe – Geduld ist nicht unbedingt meine Stärke …

Das Verrückte ist: Heute bin ich quasi in der Rolle meiner Mutter. Ich bin diejenige, die der KI zum wiederholten Male dieselbe Frage stellt. Mir zum fünften Mal den Unterschied zwischen einem Cache und einem Cookie erklären lasse. Mit dem großen Vorteil, dass sie nie ungeduldig wird und auch nicht beleidigt auflegt.

Nun würde ich behaupten, dass ich grundsätzlich eine freundliche Person bin – gelegentliches Grummeln hin oder her. Ob im Supermarkt, auf dem Amt oder am Telefon.

Wobei – hier kommt es darauf an, wer anruft …

Das Telefon-Spiel

Klingelt eine unbekannte Nummer, mit Verdacht auf „potentielle Kundin“, bin ich sofort da – freundlich, lächelnd, präsent.

Steht auf dem Display „Spam-Verdacht“ oder „Private Nummer“, melde ich mich mit einem knappen „Hallo?“, während der Finger schon auf der Taste mit dem roten Hörer schwebt.

Falls sich wider Erwarten am anderen Ende doch ein echter Mensch meldet, der mir zudem nicht ungefragt etwas verkaufen will, hole ich meine Freundlichkeit in Sekundenbruchteilen wieder hoch. Zugegeben, das ist ein wenig anstrengend – für mich, aber auch für mein Gegenüber. Wir wissen ja: der erste Eindruck zählt …

Wir könnten ein Experiment machen: Rufen Sie mich einfach mal an – und wir schauen, was passiert... ;-)

Freundlichkeit als Jobbeschreibung

Im Job sollte es ja selbstverständlich sein, freundlich zu sein. Also, wenigstens zur Kundschaft. Doch ist es das auch?

Wenn wir ehrlich sind, wägen wir häufig ab:
Ist es eine Kundin, die wir schon lange kennen und mit der wir uns gut verstehen? Dann kommt unser Lächeln von Herzen.
Ist es der total nervige Vogel, der jede Woche mindestens einmal anruft, um sich zu beschweren? Da fällt uns das Lächeln schon nicht mehr leicht. Wenn es überhaupt zum Vorschein kommt.

Was, wenn wir die Person noch gar nicht kennen, die am anderen Ende der Leitung – oder der E-Mail – sitzt?

Dann tasten wir uns vorsichtig heran, sind charmant und überzeugend, zeigen uns von unserer besten Seite. Wie beim ersten Date. Denn – und da sind wir wieder beim ersten Eindruck: ein falsches Wort, ein schräger Ton, und die ganze Mühe war für die Katz’.

Das alles fällt uns im normalen Alltag leicht.

Doch was, wenn wir unter Druck stehen? Wenn es innerlich chaotisch, stressig, aufwühlend zugeht?

Ich erinnere mich an eine Veranstaltung vor vielen Jahren: auf dem Weg dorthin habe ich im Auto gesessen und Rotz und Wasser geheult. Ich hatte Liebeskummer.

Und ausgerechnet an dem Abend ging es um Geschichten rund um die Liebe! Funfact: Es war ein grandioser Abend, an dem alle Spaß hatten – auch ich. Kurze Zeit später ist trotzdem der Boxsack eingezogen …

Professionelle Freundlichkeit

Wenn wir auf der Bühne stehen, sind wir normalerweise Profis. Und dabei kann Bühne alles Mögliche heißen: Kundenpräsentation, Vorstandsmeeting, Mitgliederversammlung, Produkteinführung, Finanzierungsgespräch, Seminarleitung, Mediationsprozess.

Die Soziologin Arlie Hochschild hat für genau diese Anstrengung schon in den achtziger Jahren einen Namen gefunden: emotionale Arbeit. Freundlichkeit im Beruf ist weniger ein Gefühl als eine Leistung, die abgerufen wird, ganz gleich, wie es innen gerade aussieht.

Wohin wandert die Wut

Aber was passiert dann mit dem, was in uns grummelt? Denn es ist ja nicht weg. Wir alle kennen diese Momente von uns oder auch von anderen, wo jemand aus einem scheinbar nichtigen Grund plötzlich in die Luft geht: da hatte sich wohl eine Menge angestaut, bis der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen brachte.

Manchmal werden wir dieses Grummeln auch direkt los – nur meistens nicht bei der Person, die Ursache dafür ist.

Die Konfliktforschung kennt dafür ein Bild, das mir als Tierfreundin weniger gut gefällt, und dennoch sehr anschaulich ist: „Kick the dog" heißt das Phänomen in der Forschung. Offiziell: displaced aggression. Der Mitarbeiter wird von seinem Chef zusammengestaucht – aus Angst um seinen Job, wehrt er sich nicht. Doch die Wut ist noch da. Also kann es sein, dass sein Hund der erste ist, der ihm abends entgegenläuft – und statt einer freudigen Begrüßung einen Fußtritt kassiert.

Studien zeigen sehr deutlich: Druck wandert in Organisationen von oben nach unten.  Führungskräfte, die selbst unter Druck stehen, geben die Wut, den Frust, die Härte an ihr Team weiter. Ein Teil davon landet bei Kundinnen und Kunden, die nichts damit zu tun haben oder bei den Kollegen. Das meiste zuhause.

Das Schicksal der sichersten Bindung

Was mich wirklich erstaunt hat, ist der Grund, weshalb so häufig unsere Liebsten unsere schlechte Laune abbekommen: Weil wir uns bei ihnen sicher fühlen.

Dem Kunden gegenüber reißen wir uns zusammen – der könnte schließlich abspringen. Dem Chef gegenüber beißen wir uns auf die Zunge – da ist das Risiko zu groß, geschasst zu werden.

Doch wo bleibt die Wut, wenn wir sie im Büro nicht zeigen können?

Wir entladen sie dort, wo unsere Beziehungen am stabilsten sind. Bei der Kollegin, die seit zehn Jahren mit uns durch dick und dünn geht. Bei den Menschen zu Hause. Wir wissen intuitiv, dass diese Bindungen halten. Paradoxerweise werden also genau die Menschen, die uns am nächsten stehen, am ehesten von unserer schlechten Laune erwischt – schlicht, weil das Risiko hier am geringsten ist.

Sozusagen Freundlichkeit als Frage des Druckausgleichs.

Der Satz, der den Boxsack arbeitslos machte

Genau an diesem Punkt kommt mein Boxsack wieder ins Spiel. Er war jahrelang meine Rettung – und vor allem die meines Umfelds. Dass er heute nur noch als Wäscheständer dient, liegt daran, dass ich gelernt habe, das Gefühls-Ventil anders zu öffnen.

Ein Team um den Psychologen Matthew Lieberman an der UCLA hat in Studien ein faszinierendes Phänomen nachgewiesen: Wenn wir ein negatives Gefühl einfach nur beim Namen nennen, fährt die Aktivität im Angstzentrum unseres Gehirns (der Amygdala) sofort messbar herunter. Die Forschung nennt das „Affect Labeling“. Das bloße Aussprechen wirkt wie eine Handbremse für den emotionalen Stress.

Kleiner Satz, große Wirkung

Man muss dafür keinen psychologischen Vortrag halten. Bei mir klingt das im Alltag meistens unkompliziert:

„Ich bin gerade im Grummel-Modus. Das hat nichts mit dir zu tun, aber mein Geduldsfaden ist heute hauchdünn.“

Das verändert sofort die Dynamik. Vor dem schwierigen Telefonat, vor dem Team-Meeting oder eben beim Betreten der eigenen Küche. Es kostet eine Sekunde Überwindung, die eigene Laune laut zu machen – aber es schützt die Menschen um uns herum

Und wohin jetzt mit der Energie?

Nun ist die Wut durch diesen einen Satz natürlich nicht einfach verpufft. Sie ist nur erst einmal da gelagert, wo sie hingehört: bei uns selbst, statt beim Gegenüber.

Manchmal braucht die aufgestaute Energie danach trotzdem ein Ventil. Das muss kein Boxsack sein und auch kein Fünf-Kilometer-Lauf. Manchmal hilft es schon, kurz das Fenster aufzumachen und durchzuatmen, die Wut in ein Kissen zu schreien oder auf einem Zettel zu kritzeln. Oder beim Einräumen der Spülmaschine lautstark vor sich hin zu fluchen.

Hauptsache, die Emotion bekommt einen Raum, ohne dass ein anderer Mensch dafür herhalten muss.

Welches Ventil nutzen Sie?

Mein Boxsack steht jedenfalls weiterhin begraben unter meinen Sportklamotten in seiner Ecke und sieht ziemlich zufrieden aus. Er genießt seine Rumpelkammer-Pension.

Wenn Sie jetzt kurz nachspüren: Wer bekommt bei Ihnen die Laune ab, die eigentlich woanders entstanden ist? Und welches kleine Ventil könnte Ihren Kollegen oder Ihren Liebsten heute etwas Ruhe verschaffen?

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